No. 14

„Ich weiß nicht, ob ich meinen Termin bei Ihnen wahrnehmen kann, ich habe mir letzte Woche den Knöchel so schlimm gestaucht, dass ich schon im Krankenhaus war“, sagt meine Klientin am Telefon.
„Im Gegenteil, dann wird Ihnen Shiatsu gut tun“, antworte ich, und am nächsten Tag kommt Frau H. tatsächlich zu mir.

Sie humpelt, ihr Knöchel ist bandagiert, aber Gott sei Dank ist nichts gebrochen, wie sie sagt. Im Krankenhaus hat sie Schmerzmittel bekommen, eine Salbe und die Aussicht, dass es vier bis fünf Wochen lang schmerzen wird. Na super.

Sie legt sich auf den Rücken und ich nehme ihren Fuß in meinen Schoß. Vorsichtig taste ich, vom Oberschenkel aus beginnend, das ganze Bein entlang und hole mir Informationen ein ….. wo ist das Gewebe weich, wo gestaut, wo sind Wärme, Härte, Lebendigkeit, Spannung und Schmerz spürbar. Ich hole mir meine Informationen ebenso von der strukturellen Ebene – Muskeln, Faszien – wie von der energetischen Ebene, den Meridianen.

Gleichzeitig lasse ich mir von Frau H. Feedback geben, welcher Druck ist angenehm, schmerzhaft oder könnte sogar stärker sein. Ich taste die Innenseite ebenso entlang wie die Außenseite, denn beide sind grundverschieden wie zwei Ufer eines Flusses.

Dann arbeite ich – wie ich es gerne tue – an den Grenzen, um diese zu erweitern, am Rand des schmerzenden Bereiches und vorsichtig auch an diesem selbst. Mit leichtem Massieren rege ich den Lymphfluss an, mit Streichungen und sanften Dehnungen versuche ich den Stau in Gewebe und Meridianen aufzulösen und mit Öffnungen der Meridiane und Verbindungen spezieller Akupunkturpunkte versuche ich ebenfalls Bahnen wieder zu öffnen, die die Zerrung aus dem Gleichgewicht gebracht hat.

In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) steht die Leber für „den freien Fluss“ und ist das Organ, das empfindlichsten auf Stress reagiert. Und die Leberenergie von Frau H. ist ganz schön beleidigt. Klaro, wer ist das nicht, wenn er abrupt in eine ganz andere Richtung geschubst wird, als die, in die er gehört, wie das eben mit dem System passiert, wenn ein Fuß schmerzhaft umknickt, weil da diese niedrige Gehsteigkante war, die man nicht gesehen hat?

Meine Hände wandern nicht systematisch die verletzten Stellen entlang, sondern bleiben dort länger, wo ich das Gefühl habe, „es braucht noch mehr“ und kürzer dort, wo Frau H.‘s System auf meine Frage „Wie geht’s“ sagt „passt eh“.

An den unwillkürlichen Reaktionen von Frau H. merke ich, dass mein Plan aufgeht und der geschockte Körper(bereich) sich entspannt. Zu guter Letzt bewege ich noch ihr Sprunggelenk durch, das sich überraschend gut für einen überdehnten Knöchel bewegen lässt. Und dann bin ich natürlich gespannt wie es sein wird, wenn Frau H. aufsteht und den Knöchel belastet.

Nein, sie ist natürlich nicht auf dem kranken Bein aus meiner Praxis gehüpft, aber das Gehen war wesentlich weniger schmerzhaft und fiel ihr sichtlich leichter.Nächste Woche wird sie wiederkommen – zum Nachbehandeln.

 

P.S. Dieselben Verbesserungen habe ich auch mit KlientInnen erlebt, die nach Operationen zum Shiatsu kamen. Selbstverständlich erst nachdem die Narben gut verheilt waren. Besonders spannend war es mit einer Frau, die eine Lidstraffung hatte und deren Augenpartie und Wangen vom Eingriff geschwollen waren. Durch die Arbeit an diesem Bereich, aber vor allem auch an ihren Schultern und Nacken war sogar sofort nach der Behandlung eine Verbesserung sichtbar. Und das freut dann natürlich die Praktikerin ebenso wie die Klientin 😊

 

 

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